Mal was Längeres zu der Aktie:
EM.TV wieder auf Einkaufstour
Von Hans-Peter Siebenhaar
Nach Jahren der Sanierung geht EM.TV in die Offensive. Das Medienunternehmen will neue Kindersender in Europa und Asien gründen.
EM.TV-Chef Werner E. Klatten posiert vor den Zeichentrickfiguren Willi und Biene Maja. Foto: dpa
HB CANNES. „Wir sind in verschiedenen Ländern in Verhandlungen über digitale Kanäle", sagte Vorstandschef Werner Klatten dem Handelsblatt. „Wir wollen noch in diesem Jahr unsere Aktivitäten mit digitalen Kanälen außerhalb von Deutschland verstärken", berichtete der Konzernchef auf der Filmmesse Mip-TV in Cannes. Seit Jahren betreibt die EM.TV den Kindersender Junior auf der Plattform des Bezahlsenders Premiere, die auch Vorbild für die Expansion ins Ausland sein soll.
Wie Klatten gestern ankündigte, plant EM.TV Zukäufe in der Kinder- und Jugendfilmbranche. „Wir haben ausreichend Liquidität, um sinnvolle Zukäufe zu tätigen", kündigte der frühere Kirch-Manager an. Nach Unternehmensangaben stehen über 60 Mill. Euro für die Einkaufstour zur Verfügung. An geeigneten Kandidaten fehlt es offenbar nicht. „Wir werden von der Konsolidierung der Branche im In- und Ausland profitieren“, ist sich Klatten sicher. Namen von möglichen Übernahmekandidaten wollte der frühere „Spiegel“-Manager aber nicht nennen. Er sagte nur: „ Fußkranke kommen für uns nicht in Betracht.“
Mit der neuen Strategie, das Kinderfilmgeschäft nach Jahren des Niedergangs wieder auszubauen, will sich EM.TV ein zweites starkes Standbein neben dem Sportgeschäft schaffen. „Wir wollen wieder wachsen“, sagte Klatten. Derzeit erwirtschaftet EM.TV mehr als vier Fünftel seines Umsatzes mit dem Deutschen Sportfernsehen (DSF), der Sport-Produktionsfirma Plazamedia und dem Internetportal Sport 1.
Viele börsennotierte Unternehmen im Kinderfilmgeschäft kämpfen seit langem ums Überleben. Bei RTV Familiy Entertainment, die ihre Filme bereits über EM.TV vertreiben lassen, sieht es schlecht aus. Die Erlöse der Tochter des Ravensburger Verlags sanken von 24 Mill. Euro auf nur noch neun Mill. Euro. Auch der Kinderfilm-Produzent TV Loonland musste trotz eines harten Sparkurses im vergangenen Jahr einen Verlust von 5,7 Mill. Euro hinnehmen. Anfang April versprach die neue Vorstandschefin Selma Käppel für das laufende Jahr eine „schwarze Null“. In Cannes läuft das Geschäft nach Unternehmensangaben Dank verschiedener Abschlüsse gut. Die jüngste Loonland-Produktion „Heidi“ sei beispielsweise an zahlreiche Sender international verkauft worden, darunter an Mediaset in Italien und Disney in Asien. In der Vergangenheit gab es bereits Spekulationen um eine mögliche Übernahme durch EM.TV, die aber von TV Loonland dementiert wurden.
In der Branche wächst unterdessen die Zuversicht. „Auf dem Kinderfilmmarkt ist eine Entspannung spürbar, auch wenn von Euphorie noch keine Rede sein kann“, sagte Claude Schmit, Chef des Kindersender Super RTL. „Die Stimmung ist wieder besser", bestätige auch Susanne Schosser, Kinderfilmchefin bei EM.TV. Für Optimismus sorgt in der Branche der wachsende Bedarf an neuen Programmen. Erst in der vergangenen Woche hatte MTV, Tochter des amerikanischen Medienriesen Viacom, angekündigt, am 12. September einen eigenen Kindersender namens Nick in Deutschland zu starten. Der Kanal soll den bisherigen Videoclipsender MTV 2 Pop ersetzen. In den USA ist Viacom mit Nickelodeon die Nummer eins unter den Kindersendern. „Durch neue Programme wie Nick zeichnet sich eine höhere Nachfrage ab. Auch in Frankreich ist kürzlich ein digitaler Kindersender gestartet worden“, sagt Super RTL-Geschäftsführer Schmit.
Ob EM.TV den steigenden Programmbedarf mit seiner Junior-Bilbliothek befriedigen kann, wird in der Branche hingegen bezweifelt. „Der Junior-Bibliothek fehlt es an neuen Inhalten. Mit den Klassikern lässt sich auf Dauer der Programmhandel nicht attraktiver machen“, sagt Alexander Coridaß, Chef von ZDF Enterprises. „Die Library ist angestaubt. Aktuelle Titel fehlen. So etwas lässt sich nur ans ZDF verkaufen" meinte ein langjähriger Programmeinkäufer auf der Filmmesse in Cannes. Zur Filmbibliothek von EM.TV gehören Klassiker wie „Pippi Langstrumpf", „Heidi" oder „Wicki". Sie wurde im vergangenen Jahr nach Unternehmensangaben mit knapp 100 Mill. Euro bewertet. Außer „Tabaluga" enthält sie aber kaum neuere Programme. Dennoch hatte erst vor wenigen Wochen das ZDF die Zusammenarbeit mit EM.TV bis 2011 verlängert. Der Mainzer Sender ist der wichtigste Umsatzbringer im Filmrechtehandel für EM.TV. Das Gesamtvolumen des Deals wird von den Vertragspartnern mit einem „niedrigen zweistelligen Millionen-Euro-Betrag" beziffert.
Beim EM.TV ist das Problem der angestaubten Bibliothek jetzt erkannt. „Die speziell deutschen, edukativen Formate für Kinder haben nachvollziehbarer Weise international einen begrenzten Markt", bekennt Vorstandschef Klatten offen. Auf der bis Freitag laufenden Filmmesse Mip-TV hat EM.TV bisher nur einen kleineren Deal abschließen können. Der neue ukrainische Sender K 1, der im Mai starten wird, hat 1200 halbe Stunden über einen Zeitraum von drei Jahren gekauft. Nun soll die Fernsehmanagerin Susanne Schosser, die erst kürzlich von Super RTL zu EM.TV stieß, das Kindergeschäft wieder auf Vordermann bringen. „Wir wollen die Verwertungskette ausbauen, also von der Produktion über den Vertrieb bis zur Ausstrahlung präsent sein" kündigt Klatten an. Vor allem am boomenden DVD-Geschäft wollen sich die Münchener ein Stück des Kuchens abschneiden. „Wir waren in der Vergangenheit zu sehr auf die TV-Vermarktung fokussiert. Daher haben wir beim DVD-Business einen großen Nachholbedarf“, berichtet Klatten. Auch andere Rechtehändler setzen auf die margenstarken Silberscheiben. „Wir sehen bei der DVD noch ein großes Potenzial“, sagte Alexander Coridaß, Geschäftsführer von ZDF Enterprises. Derzeit erwirtschaftet die Filmhandels- und Merchandisingtochter der Mainzer Sendeanstalt nach Branchenschätzen nur zwischen drei und vier Mill. Euro über DVD.