Daimler will Oberklasse fahren
Das leidvolle Kapitel Chrysler hat Daimler ad acta gelegt. Nun sollen die Gewinne wieder kräftiger sprudeln. Und das trotz eines direkt vor der eigenen Haustür heranreifenden, neuen Konkurrenten.
Den Muskelspielen von Porsche zum heranreifenden Konkurrenten vor der Haustür begegnete Daimler-Chef Dieter Zetsche auf dem Aktionärstreffen mit demonstrativer Gelassenheit. "Wir nehmen jeden Wettbewerber sehr ernst und beobachten die Schritte genau", sagte der Automanager in Berlin. Doch treiben lassen will sich Daimler von dem immer dominanter auftretenden Schwergewicht aus der Nachbarschaft nicht. Vom Chrysler-Balast befreit, konzentriert sich Daimler stattdessen auf seine Stärken.
Mit alten Tugenden zu neuer StärkeDaimler setzt nach der Trennung von der ungeliebten US-Tochter auf eine Rückbesinnung aufs Wesentliche. "Wir haben dank alter Tugenden zu neuer Stärke gefunden", sagte Zetsche. Sowohl im Pkw- als auch im Lkw-Geschäft soll der Absatz 2008 weiter zulegen, der Gewinn soll sogar einen kräftigt Sprung hinlegen.
Nur mit heiterer Gelassenheit können Zetsche und seine Manager den Auftritt des Stuttgarter Sportwagenbauers aber nicht betrachten. Nach Einschätzung des Autoexperten Ferdinand Dudenhöffer wächst für Daimler mit Porsche im Premium-Bereich ein sehr großer Wettbewerber vor der eigenen Haustür heran. "Porsche wird nach der Übernahme von VW stark in die Wettbewerbsfelder von BMW und Mercedes vordringen", erklärte der Professor an der FH Gelsenkirchen. "Porsche hat sehr ehrgeizig Ziele. Audi hat ebenfalls sehr ehrgeizige Ziele. Unter einem gemeinsamen Dach kann mit den Marken Audi, Bentley und VW ein riesiger Konkurrent entstehen."
Daimler-Aktionäre sehen Porsche sogar schon zum neuen Konkurrenten im Nutzfahrzeuggeschäft heranreifen. Bisher ist Daimler hier klar Weltmarktführer, mit seinen Beteiligungen an Scania und MAN könnte VW zur Nummer drei in der Welt aufsteigen. An Scania hat sich VW erst kürzlich 68 Prozent der Stimmrechte gesichert, an MAN sind die Wolfsburger mit knapp 30 Prozent beteiligt. Daimler wolle seine Marktführerschaft in diesem Segment aber verteidigen, unterstrich Zetsche. "Für 2008 ist unser Ziel, die Marktführerschaft nicht nur zu behaupten, sondern auszubauen."
Autoexperte bleibt skeptischDudenhöffer sieht jedoch weitere große Baustellen, die Vordenker Zetsche in den nächsten Jahren in den Griff bekommen muss: "Die Entscheidung über das Konzept der neuen A- und B-Klasse muss sitzen." Bislang sei die Kompaktklasse relativ isoliert im Konzern, ein klares Konzept fehle. Das soll sich nun ändern. "Überall, wo aufwändige Einzellösungen für den Kunden keinen spürbaren Mehrwert bieten, werden wir konsequent standardisieren", erklärte der Vorstandschef in Berlin.
Dass dies eine radikale Abkehr vom bisher eigenständigen Konzept der A- und B-Klasse bedeutet, hatte Mercedes-Vertriebschef Klaus Maier bereits in der vergangenen Woche angekündigt. Um Kosten zu sparen, sollen hier künftig mehr Teile aus dem Konzernbaukasten zum Einsatz kommen. Auch eine Zusammenarbeit mit BMW werde hierbei weiter angestrebt. An der Börse sorgte der Auftritt von Zetsche bei dem Aktionärstreffen derweil nicht für Jubelstürme. Der Kurs stagnierte bei rund 52 Euro. Es gebe zwar aktuell wenig an den Stuttgartern zu mäkeln, sagte ein Händler. Um dem schwächelnden Aktienkurs kräftigen Rückenwind zu geben, mangele es jedoch an konkreten Ziele. Bereits seit Wochen bewegt sich der Daimler-Kurs um die 50 Euro und damit um rund zehn Euro unter dem Wert von vor einem Jahr. "Uns fehlen die Fantasien", erklärte ein weiterer Analyst. Eine Einschätzung, die auch von Aktionären auf der Hauptversammlung geteilt wurde: "Daimler braucht einen globalen Masterplan für die Zukunft."