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Kolumne: Verhaltensanomalien in München

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Autor Norbert Lohrke Bewertung (0):
Erstellt am: 05.12.08 07:21 Antworten: 0  
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Kolumne: Verhaltensanomalien in München

Was Verhaltensanomalien speziell mit München gemeinsam haben? Erst einmal gar nichts! Es sei denn, sie waren – so wie ich – gestern Teilnehmer des 6. Kaminabends des Münchner Finance Forum e.V., der im Alten Hof unweit des Münchner Rathauses stattfand.


Denn dann hätten Sie so wie ich, neben dem Genuss eines guten Essens und einem guten Schwarzriesling zwei interessanten Vorträgen lauschen dürfen. Erst hat uns Dr. Markus Kern, Geschäftsführer der TSV von 1860 München GmbH & Co. KGaA, in die "Innovative Wege bei Finanzierung von Fußballvereinen eingeweiht bevor uns Dr. Conrad Mattern, Vorstand der CONQUEST Investment Advisory AG und Lehrbeauftragter des Instituts für Kapitalmarktforschung und Finanzierung der LMU München, darüber aufklärte warum "Investoren auch nur Menschen“ sind. Der Titel seines Vortrages war „Behavioral Finance Strategien in der Krise".


Bleiben wir gleich bei Mattern, weil sein Thema derzeit so gut in die momentane Landschaft passt. Und auch sein Einleitungsslogan, der von John Maynard Keynes stammt, den Nagel voll auf den Kopf trifft: „(Investment-) Manager können länger irrational sein, als Investoren liquide.“ Und damit waren wir schon mitten in seinem Spezialgebiet. Das sich alles in allem zwischen zwei Gefühlszuständen hin- und herbewegt:


Der Gier und der Furcht.


Während die Gier nach weiteren Gewinnen und dem „Recht behalten“ strebt, verunsichert uns die Furcht mit dem Gedanken des Verlustes des eingesetzten Kapitals bzw. der Möglichkeit eine Chance ausgelassen zu haben. Dass es in diesem Spiel nach Mattern nur zwei gibt, die Recht haben, nämlich der Markt und seine Frau, lässt man erst einmal so stehen.


So ist die Crux, dass wir Anleger nur das sehen, war wir auch wirklich sehen wollen bzw. worauf wir uns fokussiert haben. Und das, was wir sehen wollen, wird nach Mattern weitestgehend von den Medien mitbestimmt. In Zeiten, in denen Rezession ein oft gehörtes Wort ist, reagieren die Marktteilnehmer so wie zu erwarten. Sie senken ihre positiven Erwartungen, was zu schlechten Ergebnissen bei Umfragen führt.


Und weil keiner gern ganz allein auf weiter Flur steht, sucht er sich einen Anker. Was Herr Martell den Ankereffekt nennt und man auch bei sich selbst beobachten kann. In Situationen, in denen der Mensch keine verlässlichen Handlungsoptionen hat, sucht er Halt in einem Anker. Das kann irgendeine Information oder irgendein Datum sein, das gerade nahe liegt. Sie alle kennen vielleicht das Beispiel mit der Frage nach den letzten vier Zahlen der Telefonnummer und der sich anschließenden Frage nach der Anzahl der Verkehrstoten in unserem Lande. Interessant ist dass diejenigen mit einer niedrigen Telefonnummer eine relativ niedrige Anzahl von Verkehrstoten und die mit einer höheren Telefonnummer eine zu der anderen Gruppe relativ höhere Anzahl von Verkehrstoten auf Deutschlands Strassen geschätzt hat. Für Mattern ist das keine Überraschung. Da die Menschen es nicht wissen, orientieren sie sich an dem, was sie haben. Und wenn es die letzen vier Zahlen der Telefonnummer sind, nach der sie kurz zuvor gefragt wurden. Die Telefonnummer als Anker!.


So ist sein Fazit relativ simpel. Da wir alle diesem Mechanismus unterliegen, bleibt uns einzig übrig, dass wir diese Theorie des Behavorial Finance wie einen Spiegel nutzen, den wir uns tagein tagaus vor die Nase halten. Und damit unsere Fehler im Verhalten an der Börse verringern. Denn an der anderen Vorgehensweise, alles Richtig machen zu wollen, werden wir am Ende alle Scheitern. Denn letztlich ist nur die Reduzierung der Fehler möglich. Auf meine Frage, welche Fehler denn ein Value Investor vermeiden kann, da dieser ja in Zeiten, wo Gier und Furcht regieren, gar nicht richtig liegen kann und zwangsläufig hohe Verluste ausweisen muss, antwortete er zu meiner Überraschung und Beruhigung zugleich, dass ein Value Investor den Fehler vermeiden sollte, der Verluste wegen, von seiner Value Investor Strategie abzuweichen. Denn dann würde er sich am Ende dem Spiel von Gier und Furcht unterordnen. Weil und da ist eine erstaunliche Aussage, die Fehler grundsätzlich auf der Anlegerseite auftreten würden.


Während ich mein Mousse au Chocolat mit Feigen in mir aufnahm, ließ ich auch noch einmal den ersten Vortrag Revue passieren. Dr. Kern erzählte von den Freuden und Leiden eines kaufmännischen Leiters, die er, der einem Bundesligaverein wie dem 1860 München vorsteht, über sich ergehen lassen darf bzw. muss. Obwohl das Umsatzwachstum mit +11 % im Durchschnitt gar nicht so schlecht und die durchschnittliche Zuschauerzahl mit 35.000 in der zweiten Liga beneidenswert hoch ist, so bleiben von einem Umsatz von um die 25 Mio. Euro am Ende nur ca. 6 Mio. Euro für die Bezahlung von Trainer und Spieler. Also nur ein Drittel. Und dennoch wird ein Verlust von -1,5 Mio. Euro gemacht.


Das hat im Wesentlichen damit zu tun, dass die Allianz Arena, die den Löwen einst zu 50 % gehörte, aus Geldmangel an die Bayern verkauft werden musste, und die Nutzung der Arena jetzt jährlich 5 Mio. Euro im Jahr kostet. Da bisher immer noch positive Sondereffekte wie Transfers und Verkauf der Arena in die Jahreszahlen einflossen, wird der Umstand verdeckt, dass der Verein ein strukturelles Defizit von -3 bis -3,5 Mio. Euro vor sich herschiebt. Für dessen Beseitigung er in unseren Reihen natürlich gerne jemand gewinnen wollte.


Und so schlecht wäre die Investition gar nicht. Denn bei Nähe betrachtet, steht der 1860 München nach etlichen Querelen in der Führungstruppe und schmerzhaften Einschnitten, gar nicht so schlecht da. Das spiegelt sich auch in der sympathischen Person von Dr. Kern wider. Ferner ist die vorbildliche Nachwuchsarbeit, die u.a. ein Internat mit einbezieht und sich der Verein jedes Jahr ca. 5 Mio. Euro kosten lässt ist vorbildlich zu nennen. Sie wurde wiederholt mit drei Sternen (=höchste Wertung) ausgezeichnet. Die Nachwuchsarbeit bringt auch erste Früchte. So stammen vier der U19 Europameister Stammspieler von den Löwen. Und 20 aktuelle Spieler sind in der U15 bis U21 unterwegs. So ist es schwer zu glauben, dass die Konstruktion der GmbH & Co KGaA bei der Finanzierung ein Hemmschuh sein soll. Denn schließlich gibt es eine KGaA auch bei börsennotierten Unternehmen wie der Merck und bei Henkel.


Viel wahrscheinlicher ist, dass die Vision 2012 und Wandlung des Vereins zum „modernen und innovativen Traditionsclub“ und „Münchens großer Liebe“ noch nicht so recht zu den potentiellen Investoren durchgedrungen ist. Und die Früchte noch nicht so recht gehoben werden können.


Am Ende des Vortrags wünscht man sich geradezu, dass dieses interessante Nachwuchs-Experiment, das immerhin dazu führt, dass von den 27 Spielern, 21 Deutsche und davon 50 % Bayern geborene sind, fortgeführt werden kann, Nachahmer findet und auch hoffentlich bald von finanziellem Erfolg gekrönt sein wird.


Denn erfolgreicher Nachwuchs, der unseren derzeitigen Verhaltensanomalien nur unwesentlich folgt, ist in unserem Lande – mehr denn je - herzlich willkommen und auch dringend nötig.


Einen schönen Tag und hohe Renditen wünscht Ihnen.


Ihr Norbert Lohrke


 


 


 



 


 


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