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Kolumne: Branchenwetten ohne Netz

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Autor Norbert Lohrke Bewertung (0):
Erstellt am: 25.07.08 08:45 Antworten: 0  
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Kolumne: Branchenwetten ohne Netz

Sehr geehrter Anleger,


heute lese ich, dass die Anleger in Amerika auf Finanzwerte wetten. Was einigermaßen eigenartig ist, da diese just diese Woche Quartalsverluste von über 11 Mrd. Dollar veröffentlichen mussten. Und noch eigenartiger ist, dass die Kurse im Schnitt um +14 % nach oben gingen. Da könnte der Gedanke aufkommen, sich ebenso schnell an die steigenden Kurse ranzuhängen, um ja den Zug nicht zu verpassen.


Wobei ich Sie da bremsen möchte. Meine Lebenserfahrung sagt mir, dass der nächste Zug bestimmt kommt und sich in der Zwischenzeit des Wartens häufig neue Alternativen auftun, die man so bisher nicht gesehen hat. Denn eines ist doch wohl glasklar. Die fundamentalen Verwerfungen in den Jahresabschlüssen der Banken sind noch nicht zu Ende. Und dass die Abschlüsse noch halbwegs annehmbar ausgefallen sind, oder wie man im Analystendeutsch sagt „besser als erwartet“ – wobei ich mich da immer frage, wer da welche Erwartungen in die Welt setzt -, hängt auch damit zusammen, dass alles an Tafelsilber verkauft wird, was noch in den Schränken war. Das aber belastet die Zukunft in Form von geringeren Renditen. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das den jetzigen Investoren oder sollte ich doch besser Spekulanten sagen (?) bewusst ist.


Natürlich ist es schön, wenn ein tiefer Schmerz erst einmal nachlässt. Aber schlimmer als kurzzeitig hohe Schmerzen, sind langfristig geringe Schmerzen. Denn die zermürben auf die Dauer. Insofern sollte sich jeder fragen, ob ein Engagement in Finanzwerte derzeit wirklich sinnvoll ist.


Aber nicht nur in der Finanzbranche weht ein scharfer Wind. Auch in der Automobilbranche wird die Luft aus den Reifen gelassen. Oder sollte man besser sagen, die Sterne vom hohen Himmel geholt? Daimler als negativer Repräsentant und mit hausgemachten Fehlern geht als abschreckendes Beispiel allen voran. Obwohl der Umsatz um +3 % stieg, brach das EBIT und das Konzernergebnis um -26 % bzw. -29 % ein. Aus dem Stern wird zunehmend ein Sternchen. Auch hier – und da ist vielleicht eine Parallele zu Finanzwerten – kam der Jubel nach der Trennung von Chrysler zu früh. Man muss sich schon die Mühe machen und genauer hinschauen. Sonst kann man in diesen Zeiten sein Börsen-Waterloo erleben und viel Geld verlieren.


Bei den Airlines, wobei ich besonders die amerikanischen Airlines erwähnen möchte, ist ebenfalls Schicht im Schacht. Die haben sich zwar diese Woche kurzzeitig wegen des Preisverfalls beim Rohöl erholen können, sind aber bei weitem noch nicht über den Berg. Chapter 11 dürfte für den ein oder anderen gar nicht mehr so weit entfernt sein.


Und was die Stahlbranche angeht, so werden die Zeiten auch da härter. Die Preissteigerungen bei Eisenerz um +100 % und die Überkapazitäten aufgrund der chinesischen Produktion von Stahl, jedenfalls im unteren Segment, dürften auch da mittelfristig für Irritationen sorgen.


Auch die Solarbranche kommt aus Japan immer stärker unter Druck. Heute las ich eine Mitteilung, dass ein japanisches Start up eine Produktionslinie startet, die seine Produktion von einem Schlag auf den anderen vervierfachen (!) wird. Was sich – früher oder später – sicherlich in sinkenden Margen niederschlägt.


Und weil wir schon bei der Energie sind, so kann man ja mal einen Blick auf die großen Brüder, die Versorger, werfen. Eigentlich sollten die doch von den hohen Energiepreisen, die sie uns abnehmen, profitieren. Wäre da nicht der Gedanke, dass wir Verbraucher ja auch nicht blöd sind und ausweichen werden, wo wir können. Ein Verhalten, dass die Versorger in Zukunft massiv zu spüren bekommen werden. Und die Netze harren auch ihrer Entscheidung. Brüssel wird auf unabhängige Netzgesellschaften bestehen. Mit Recht. Durchleitungsentgelte eignen sich nur allzu gut als wettbewerbsverhindernde Maßnahme.


Bei Netzen kommt mir auch gleich die Telekommunikationsindustrie in den Sinn. Die versorgen quasi ja auch, wenngleich mit Daten und Information. Stehen also – abstrakt betrachtet – vor dem gleichen Problem wie die Versorger. Und wissen auch keinen Ausweg, wie der geneigte Leser in meiner gestrigen Kolumne lesen konnte.


Wie sie sehen, gibt es eine Menge Branchen, die man derzeit links liegen lassen sollte. Andere wiederum fristen ein Mauerblümchendasein. So z.B. die aussichtsreichen Software- und Internet- bzw. E-Commerce Werte, die nach der New Economy keiner mehr so recht anfassen möchte. Auch, wenn die zum Teil fundamental hoch interessant sind.


 


Wie z.B. auch die Immobilienwerte. Nur weil sich die Amis aus den Werten zurückziehen und - bescheuert wie manche der Fondsmanager sind - ihre Bestände ohne Sinn und Verstand auf den Markt geworfen haben, heißt das noch lange nicht, dass Immobilien und deren Firmen nichts wert sind.


Im Gegenteil. In Zeiten steigender Inflation meine ich, dass Immobilien ein besserer Werterhalt sind als physisches Gold. Wenn man einfach mal vernünftig nachdenkt. Was an der Börse bekanntlich eher die Ausnahme ist. Denn Immobilien werden aufgrund der IFRS Bilanzierung zukünftig ihr Statut als „stille Reserve Polster“ verlieren und ein ganz normales Aktivum werden, wie jedes andere auch. Und damit zunehmend handelbarer. Hier bricht sich also derzeit eine strukturelle Entwicklung Bahn. Die wahrlich nicht uninteressant ist.


Man muss es halt alles nur sehen wollen. Aber wie das eben mal so ist, machen sich die Meisten keine eigenen Gedanken, sondern laufen der breiten und dummen Masse hinterher.


Gut für uns Eigenbrödler. Denn für uns tun sich enorme Chancen auf. Nutzen wir sie!


Einen schönen Tag und hohe Renditen wünscht Ihnen.


Ihr Norbert Lohrke


 


 



 


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