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Kolumne: Auf Gleisen zur Schlachtbank

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Autor Norbert Lohrke Bewertung:
Erstellt am: 07.05.08 08:30 Antworten: 0  
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Kolumne: Auf Gleisen zur Schlachtbank

Wie Sie wissen, war ich vor meiner Reise in die USA in Frankfurt am Main auf der dort im Hilton Hotel stattgefundenen Entry und General Standard Konferenz und hatte ich wieder einmal das Vergnügen mit der Deutschen Bahn. Und natürlich war das erste, was ich zu hören bekam, dass mein ICE Verspätung hatte. 30 Minuten! Weil der aus Basel kommende ICE, der mich auf seinem Weg zurück nehmen sollte, genau diese Verspätung an uns Fahrgäste weitergab.

 

Nicht nur, dass ich nicht - wie man in Zeiten des Internets und des Mailverkehrs bzw. der SMS erwarten könnte - entsprechend informiert worden wäre. Nein. Aber wenigstens hätte man uns über die Lautsprecher mitteilen können, dass ein Ersatz-IC bereitgestellt wurde, der uns zum in Hamburg wartenden ICE bringen würde. So musste ich – wie die anderen auch - beim Schaffner rückfragen. So viel zum Thema Bahn, Pünktlichkeit und Kommunikation.

 

Nun haben wir alle letzte Woche gelesen, dass sich Frau Merkel und Herr Beck darauf geeinigt haben, dass die Deutsche Bahn AG nur mit einem Anteil von 24,9 % privatisiert werden soll. Und zwar nicht die gesamte Bahn, sondern nur die Betriebsgesellschaft, in der Personen- und Frachtverkehr angesiedelt sind. Sie ist eine von zwei Gesellschaften, die zukünftig beide unter einer Holding hängen sollen. Bei der anderen handelt es sich um eine Schienennetzgesellschaft, die nicht zur Disposition steht. Und der Bahnchef Mehdorn soll sowohl Holding als auch Betriebsgesellschaft führen.

 

Mit diesem Teilverkauf will man einerseits mehr Kapital ins Unternehmen Deutsche Bahn AG holen und andererseits den Einfluss der Investoren in Gestalt von gefräßigen Heuschrecken begrenzen. Sie sollen nicht allein über die Zukunft der Bahn bestimmen können. Unsere Bundeskanzlerin Merkel lobt in diesem Zusammenhang die Fortschritte bei der Bahnreform und meint, dass die Bahn nun mit frischem Kapital durchstarten und den Einfluss des Staats endlich abschütteln könne und müsse. Schon wird – wie üblich in der großen Koalition – im Vorhinein von einem Erfolgsmodell gesprochen.

 

Dabei klingt mir noch die Meldung im Ohr, dass die Bahngewerkschaften Transnet und GDBA sich just mit dem Bahnchef Mehdorn am Freitagabend auf eine langfristige Verlängerung des Kündigungsschutzes bis 2023 verständigt haben. Kündigungen, die sich aus den Folgen der Privatisierung ergeben, soll es demzufolge laut Transnet-Vorstand Alexander Kirchner nicht geben. Dafür haben die Gewerkschaften zugesagt, den Privatisierungsprozess „konstruktiv zu begleiten“.

Außerdem haben die Gewerkschaften erreicht, dass der sogenannte „integrierte Konzern“ ebenfalls bis 2023 erhalten bleibe, d.h. der Vorstand keine Unternehmensteile verkaufen darf, die zum Kerngeschäft zählen. Was wiederum bedeutet, dass sich Investoren höchstens zu 49,9 Prozent an Sparten wie Fern-, Regionalverkehr oder Logistik beteiligen können und damit bei einer teilprivatisierten Bahn der sogenannte konzerninterne Arbeitsmarkt erhalten bliebe.

 

Was da gerade passiert, versuche ich mit folgendem Bild anschaulich zu zeichnen. Hier wird gerade einem alten Trabrennpferd das linke Bein hochgebunden, auf das Sulky ein schwerer Stein gelegt und eine Geschwindigkeitsbegrenzung vorgegeben. Gleichzeitig erhält der Jockey den Auftrag, dass er als erster durchs Ziel kommen soll. Um zu erkennen, dass das nicht gut gehen kann, braucht es kein Studium der Wirtschaft. Dass so ein Gefrickel nicht funktionieren kann, liegt auch so auf der Hand.

 

Welcher halbwegs intelligente Investor würde denn in eine solche Company investieren? Dadurch, dass er unterhalb der 25 %-Schwelle liegt, kann er sich nicht einmal gegen wesentliche Beschlüsse stemmen. D.h. er hat gar keinen Einfluss. Und dann wird ihm mit der Beschäftigungsgarantie noch das Instrument genommen, um über Kosteneffizienz die Rendite zu beeinflussen. Im Gegenteil: ihm werden noch auf Jahre hinaus die Hände zusammengebunden. So dumm kann eigentlich keiner sein. Und wenn, dann nur, wenn er entsprechende Garantien bekommt oder auf andere Weise befriedigt wird. Oder man wieder einmal – wie seinerzeit bei der Deutschen Telekom AG geschehen – den Bundesbürger mit der Wiederauferstehung der Volksaktie über den Tisch zieht.

Nein, diese Teilprivatisierung ist wieder einmal der kleinste gemeinsame politisch mögliche Nenner, der zum größtmöglich anzunehmenden Unfug führen wird. Sieht dass denn niemand? Oder wird der gesunde Verstand – soweit noch vorhanden – jetzt bei jedem Beschluss aufs Neue malträtiert und dem Koalitionsfrieden geopfert?

 

Denn weder wird das Ziel erreicht werden, genug Kapital für den Ausbau des Netzes und der Erneuerung der Flotte zu bekommen, noch wird man mehr Wettbewerb auf die Netze und wir Kunden damit mehr Service bekommen. Da die Bahn über die andere Gesellschaft ja schön die Hände auf dem Netz hält und potentielle Wettbewerber gängeln wird. Schließlich werden wir Bahnkunden die Beschäftigungsgarantie alle zusammen über hohe Beförderungspreise schön teuer bezahlen. Wieder einmal fällt den Abzockern nichts anderes ein als Abgabenerhöhung durch die Hintertür. Das kann’s doch wirklich nicht sein, oder?

 

Insofern möchte ich Sie alle schon heute warnen. Bitte sagen Sie es Ihren nahen Angehörigen, der entfernten Verwandtschaft, Ihren Freunden und Bekannten im In- und Ausland. Wann immer diese Deutsche Bahn AG-Aktie zur Zeichnung ansteht und egal mit welchen Ihrer Lieblingsschauspieler für diese auch geworben wird, und mögen sie noch so treudoofe Augen haben, fallen Sie diesmal nicht wieder darauf herein. Zu Ihrem eigenen Vorteil. Genau so gut könnten Sie das Geld auch zum Fenster hinausschmeißen oder dem Finanzminister Steinbrück direkt auf eine Haushaltsstelle überweisen. Was in etwa auf das Gleiche hinauskommt.

 

Und als ob es ein Zeichen von oben wäre, zeigt der ICE-Zwischenfall im Tunnel wie es Schafen ergeht, die mit der Bahn in Berührung kommen.

 

Diese Bilder sollten Ihnen eine Warnung sein und bis auf Weiteres im Gedächtnis haften bleiben. Zur Abschreckung versteht sich.

 

Einen schönen Tag und hohe Renditen wünscht Ihnen.

 

Ihr Norbert Lohrke

 

 

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