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Kolumne: Die Chinesische Bedrohung

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Autor Frank Lübberding Bewertung (0):
Erstellt am: 23.10.06 17:49 Antworten: 0  
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Kolumne: Die Chinesische Bedrohung

Der Freihandel droht endgültig aus der Mode zu kommen. Das Scheitern der letzten WTO Runde zeigte wie sich die politische Stimmung zu Lasten einer weiteren Marktöffnung verändert. Für Investoren sind das keine positiven Signale. Sie sind von stabilen politischen Rahmenbedingungen wie den freien Kapitalverkehr abhängig. Das war in den letzten 30 Jahren kein Thema, weil die politischen Eliten die Globalisierung aktiv vorantrieben – und der Nutzen außer Frage zu stehen schien. So ist die Integration Asiens in die Weltwirtschaft eine Erfolgsgeschichte. Noch nie zuvor in der Weltgeschichte konnten so viele Menschen in so kurzer Zeit aus der Armutsfalle herauskommen. Diese Perspektive ändert sich. Asien wird als Bedrohung für den westlichen – und damit auch deutschen – Wohlstand betrachtet. Etwa vom Berliner Büroleiter des Spiegel, Gabor Steingart. Seine These ist nicht neu. Er definiert den Freihandel als einen Wettbewerb der Standorte. So konkurriert Deutschland etwa mit China. Der Wettbewerb funktioniert als ein Nullsummenspiel – der Vorteil des einen wird zum Nachteil des anderen. Es endet wie in einem Fußballspiel. Nur gewinnt in diesem Fall China. Denn Steingart akzeptiert wie viele andere Kritiker des Freihandels nur einen Faktor in der Standortkonkurrenz: Die nominalen Arbeitskosten. In der Hinsicht ist China auf lange Zeit unschlagbar. So wird selbst der bescheidene chinesische Wohlstand zur Ursache für den Niedergang Deutschlands. Für Investoren ist diese Sichtweise politisch gefährlich. Sie werden damit für die innenpolitischen Probleme in Deutschland verantwortlich gemacht.

Die Probleme wären zwangsläufig. Ein hohes Handelsbilanzdefizit mit einer notorisch abwertungsgefährdeten Währung; die entsprechend teuren Importe führen zu hohen Inflationsraten. Dazu kommt eine negative Zahlungsbilanz, weil schwache Volkswirtschaften mit einer Zunahme ihrer Verbindlichkeiten gegenüber dem Ausland konfrontiert sind. Solche Fälle hat es durchaus gegeben: Etwa zu Beginn diesen Jahrhunderts in Argentinien. Aber in Deutschland? Das Land hat in den letzten 10 Jahren seine Wettbewerbsfähigkeit dramatisch verbessert. Die hohen Exportüberschüsse führen zu einem entsprechend hohen Kapitalexport, weil das Ausland nur so seine Verbindlichkeiten gegenüber Deutschland ausgleichen kann. Keine Volkswirtschaft kann hohe Exportüberschüsse mit einem zusätzlichen Kapitalimport verbinden wie es deutsche Volkswirte fordern. Selbst China nicht. Das Land ist zum wichtigsten Finanzier des amerikanischen Leistungsbilanzdefizits geworden. Der Außenhandel mit China ist zwar in den letzten Jahren gestiegen, aber der Effekt auf die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung ist nicht der Rede wert. Selbst der Anteil der kleinen Niederlande an den deutschen Importen war im Jahr 2005 wesentlich höher als der Chinas – und von der niederländischen Bedrohung war im Spiegel nie die Rede. Allerdings konnte China in den letzten Jahren seinen Marktanteil in Deutschland erhöhen. China verbesserte also seine Wettbewerbsfähigkeit vor allem zu Lasten anderer Wettbewerber – etwa in der Textilindustrie auf Kosten Italiens oder Portugals. Der deutsche Negativsaldo gegenüber China in Höhe von 10 Milliarden € ist bei Überschüssen in Höhe von 160 Milliarden € (2005) noch nicht einmal für die Deutsche Bundesbank relevant.

Die chinesische Bedrohung ist in Wirklichkeit eine Projektion. Denn die Kritik an China, wie sie Gabor Steingart formuliert, entspricht im wesentlichen der deutschen Wirtschaftspolitik der letzten 50 Jahre. Man versucht durch eine Verbesserung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit, die sozialen und ökonomischen Probleme des Landes zu exportieren. Zwar verbessern die Kostensenkungen die Wettbewerbsposition auf dem Weltmarkt und führen zu den übermäßigen Exportüberschüssen; aber der Preis ist hoch. Denn der Binnenmarkt bezahlt mit sinkenden Realeinkommen und stagnierender Wertschöpfung diese Erfolge. Deutschland handelt also nicht anders als man es China vorwirft. Allerdings gibt es einen Unterschied. Es betrifft ein hochentwickeltes Industrieland und kein bitterarmes Entwicklungsland mit einer immer noch erbärmlich niedrigen Arbeitsproduktivität. China braucht die ausländische Direktinvestitionen und eine entsprechende Exportorientierung, um die gravierenden sozialen und ökologischen Probleme des Landes lösen zu können. Deutschland brauchte dagegen Investitionen des Staates in seine Bildungssysteme – anstatt den boomenden Exportsektor steuerlich weiter zu entlasten.

Investoren, die in Asien Chancen suchen und Risiken eingehen, werden also gebraucht – allerdings nicht als Prügelknaben für deutsche Probleme. Sie sollten die derzeitige Debatte mit Sorgfalt verfolgen. Er wäre nicht das erste Mal, dass falsche Analysen katastrophale ökonomische Folgen haben. Das betrifft sie dann allerdings nicht nur als Investoren. Sie sind dann auch als Bürger dieses Landes gefragt.

 

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