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Kolumne: Big Brother Telekom

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Autor Norbert Lohrke Bewertung (0):
Erstellt am: 26.05.08 09:14 Antworten: 0  
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Kolumne: Big Brother Telekom

Wer kennt es nicht, das Zitat aus George Orwell Romas 1984: „Big Brother is watching you“. 1984 ist ein dem Genre Science Fiction zugeordnetes Buch, in dem die negative Utopie eines totalitären Überwachungs- und Präventionsstaates beschrieben wird. Mittels sog. Teleschirme werden die Bewohner vom Ministerium für Wahrheit überwacht. Und weil man erkannt hat, dass absolute Kontrolle nur über die Kommunikation möglich ist, wurde die reduktionistische fiktive Sprache „Neusprech“ eingeführt.

 

Wer geglaubt hat, dass Bücher, wie die von Orwell, weiter ein Bestandteil des fiktiven Bereichs des Science Fiction bleiben werden, sieht sich getäuscht. George Orwell ist aktueller als je zuvor. So ist vor kurzem Lidl mit seinen Überwachungsmaßnahmen ordentlich und zu Recht in die öffentliche Kritik geraten. Obwohl das schon ein enormer Verstoß gegen die Privatsphäre und Bürgerrechte war, so ist es geradezu eine Lappalie gegen das, was bei dem größten deutschen Telekommunikationsunternehmen vorgefallen ist.

 

Über Jahre hinweg wurden offenbar die Telefonverbindungsdaten von Managern, Aufsichtsräten und Journalisten gesammelt, überwacht und ausgewertet, um – wie es beschönigend seitens der Unternehmensspitze heißt – die Weitergabe vertraulicher Informationen aufzuspüren. Dabei soll es zu angabegemäß zu keinen Abhörnmaßnahmen gekommen sein.

 

Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Telekom AG René Obermann zeigte sich in seinem Statement - jedenfalls dem Text zufolge - tief erschüttert und gab von sich, dass er „den Vorgang sehr ernst nähme“ (Na, hoffentlich). Die Telekom wolle „höchstmögliche Transparenz erreichen und der Strafjustiz ermöglichen, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Wobei allerdings darauf hingewiesen wird, dass ein „erster Fall“ schon im Sommer des vergangenen Jahres entdeckt und angeblich aufgeklärt wurde.

 

Liebe Anleger. Das Ganze stinkt gewaltig zum Himmel und ist keine Lappalie, sondern ein Skandal, der selbst für die skandalträchtige Telekom eine Dimension erreicht hat, bei der man nicht so ohne weiteres zum Tagesgeschäft übergehen darf. Besonders wenn man das seit 1. Januar 2008 gültige und durchgeführte Gesetz zur Vorratsspeicherung „aller“ Telefon- und Internetdaten im Hinterkopf hat. Dies ermöglicht es ein halbes Jahr lang alle Telefon- und Verbindungsdaten zu speichern. In gewissen Fällen auch das Abhören der Telefonate von Anwälten, Ärzten und Journalisten. Gegen das Gesetz wurde u.a. vom FDP Politiker Burkhard Hirsch Verfassungsbeschwerde eingelegt.

 

Welch ungeheure Brisanz der Telekom-Überwachungsskandal hat, zeigt die Tatsache, dass mit über 30 %, der deutsche Staat (davon 16,9 % KfW) der größte Anteilseigner der Deutschen Telekom AG ist.

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, warum die Deutsche Telekom AG kein Investment ist, dann zeigt es dieses Beispiel. In diesem Unternehmen ist Coporate Governance offensichtlich ein Wort, dass nicht einmal der Vorstandsvorsitzende und seine Vorgänger richtig buchstabieren können. Auch die Kontrollsysteme scheinen in einem grottenschlechten Zustand zu sein.

 

Warum kommt Herr Obermann erst jetzt mit dieser Ungeheuerlichkeit über den Tresen, obwohl sich ein Sachverhalt bereits im letzten Jahr und zu seiner Amtszeit bereits ereignet hat? Wollte man das vielleicht aus politischen Gründen nicht, um nicht das Gesetz zur Vorratsspeicherung zu gefährden? Was wusste eigentlich die Politik davon? Wann wurden Herr Schäuble und die Bundesregierung darüber unterrichtet? Gab es auch Abhörmaßnahmen, die vertuscht wurden oder werden sollen? Und warum ist der Chef der Konzernsicherheit noch auf seinem Posten?

 

Das alles sind Fragen, die bereits die Dimension ahnen lassen, um welche es hier geht. Diese reicht weit über das Unternehmen hinaus.

Man muss sich schon fragen, warum Fondsmanager diese Aktie noch halten. Die Geschäftszahlen und Aussichten können es nicht sein. Ein ethisches Investment sieht auch etwas anders aus. Und dass die Dividende aus den Rücklagen entnommen wird, ist auch nicht gerade als wirtschaftlich sinnvoll zu bezeichnen. Und wie mies mit Gesellschaftern umgegangen wird, zeigt der derzeitige laufende Prozess gegen die Deutsche Telekom.

 

Aus diesem Skandal sind mehrere Konsequenzen zu ziehen. Erstens muss nach den jetzt notwendigen personellen Maßnahmen, die Konzernsicherheit so organisiert werden, dass ein solcher Missbrauch in Zukunft nicht mehr möglich ist. Dabei sollten auch unabhängige Konzernfremde mit einbezogen und vor Ort tätig werden. Zweitens muss es eine öffentliche Untersuchung geben, ob es auch zu Abhörmaßnahmen gekommen ist und inwieweit auch der aktuelle Vorstand darin verstrickt ist. Drittens ist es an der Zeit, dass sich der Hauptaktionär Bundesrepublik Deutschland aus diesem Unternehmen als Gesellschafter endlich verabschiedet.

 

Denn überall dort, wo der Staat als Gesellschafter auftritt, ob auf Bundes oder Landesebene, geht es drunter und drüber und sind Skandale und Verschwendung eine Zwangsläufigkeit. Ob IKB, Landesbanken. WestLB als abschreckendes Beispiel allen voran, Steinkohlestiftung und Evonik, Deutsche Bahn oder jetzt Deutsche Telekom AG.

 

Vielleicht müssen wir als Anleger und Wähler einfach auch für andere politische Mehrheiten sorgen. Die soeben in Schleswig-Holstein stattgefundenen Kommunalwahlen und die Ergebnisse, wie z.B. in Flensburg, könnten ein Vorbild dafür sein. Dort hat es eine Bürgerbewegung und Wählergemeinschaft „Wir in Flensburg (WiF)“ aus dem Stand auf über 22,3 % geschafft und ist damit jetzt vor der CDU und SPD stärkste Fraktion.

 

Es wird Zeit, dass sich nicht nur bei der Deutschen Telekom AG die Verhältnisse verändern.

 

Einen schönen Tag und hohe Renditen wünscht Ihnen.

 

Ihr Norbert Lohrke

 

 

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